Neue Ufer … 1976 bis 1990

- Flüchtlingsausweis des Kreis Pinneberg
Ab Mitte der 70er Jahre entwickelte sich der Ortsverein unter der Leitung von Dr. Fritz Hörnig und zu einer modernen Wohlfahrts- und Hilfsorganisation. Von der Stadt Wedel wurde das Grundstück Rudolf-Höckner-Straße 6 für den Bau der dann 1977 eingeweihten Begegnungsstätte zur Verfügung gestellt.
Das modern gestaltete Gebäude diente allen internen Gruppierungen des Ortsvereins als Arbeits-, Veranstaltungs- und Tagungsort. Für die Seniorenarbeit wurde die Begegnungsstätte zum Grundstein für das seitdem vielfältige Angebot, das das eng mit dem Namen Ursula Kissig verbunden ist. Fast zeitgleich konnten die DRK-Gemeinschaften aus den Räumen in der Küsterstrasse in den hinteren Teil des Wohngebäudes Rudolf-Höckner-Straße 6 umziehen und die DRK-Kleiderkammer im Erdgeschoss einrichten.
Die DRK-Sozialstation nahm 1978 ihre Arbeit auf, um viele der DRK-Hilfeleistungen für die ambulante Versorgung von Senioren, Kranken und Behinderten durch haupt-, neben- und ehrenamtliche Kräfte zu koordinieren. Fünf Jahre später gründeten mehrere Verbände der freien Wohlfahrtspflege zusammen mit dem DRK-Ortsverein die „Sozialstation Wedel“, um die ambulanten sozialen Dienste weiter zu bündeln. Die Räume der Sozialstation im ersten Stock des hinteren Gebäudekomplexes waren jedoch nicht zufriedenstellend, da diese für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer kaum erreichbar waren. Nachdem 1982 mit der Stadt ein Erbbaurechtsvertrag für das Gesamtgrundstück Rudolf-Höckner-Straße 6 geschlossen werden konnte, waren auch die Sanierung und der Umbau des vorderen Gebäudes mit finanzieller Hilfe der Kommune möglich. Dort nimmt heute die DRK-Sozialstation ihre Aufgaben wahr.
Nach dem Vietnamkrieg übernahmen 1980 die Kommunisten die Macht. Viele Menschen mussten um ihr Leben fürchten und es begann die große Flucht. Es gab nur den Weg über das Wasser. Mit teils kleinen Booten, versuchten die Flüchtlinge, die Küste Malaysias oder Indonesiens zu erreichen, wo Auffanglager errichtet worden waren. Von dort wurden sie aufnahmebereiten westlichen Ländern zugeteilt.
Auch Wedel wurden 32 Flüchtlinge zugeteilt. Einvernehmlich erteilte die Stadt Wedel dem örtlichen DRK, namentlich Ursula Kissig, den Auftrag, sich der Aufnahme der Flüchtlinge anzunehmen. Von der Stadt wurden ein abrissreifes Haus in der Rolandstraße („Altes Drögehaus“) bereitgestellt sowie zunächst zwei freistehende Wohnungen der „Neuen Heimat“ in der Friedrich-Eggers-Straße angemietet.
Eine wohl einmalige Flut an Spendenfreudigkeit und des Mitgefühls folgte dem Aufruf des DRK zur Hilfe bei der Beschaffung von Mobiliar aller Art und der vielen Dinge des täglichen Lebens. Sie wurden gebraucht, da diese Flüchtlinge buchstäblich nur das hatten, was sie auf dem Leibe trugen. Nach ihrem Umzug in Wohnungen der Neuen Heimat stand das Erlernen der deutschen Sprache im Vordergrund. Stadt, Volkshochschule und DRK einigten sich auf einen intensiven Schulungskurs für alle Vietnamesen, also sowohl für Erwachsene als auch Jugendliche und Kinder. Die vom DRK für Vorstands- und Gemeinschaftsarbeiten genutzten Räume der ehemaligen Uhl’schen Schreinerwerkstatt in der Rudolf-Höckner-Straße 6 wurden zu Schulungsräumen umgestaltet. Der Unterricht begann zunächst mit dem gerade examinierten Pädagogen Peter Jochimsen, der bis zur Abschlussprüfung lehrte. Nach und nach kamen, vorwiegend auch um dem Alter und den Begabungen der gemischten Gruppe gerechter werden zu können, noch vier Lehrkräfte hinzu. Nach Ablauf des geplanten halben Jahres folgte die Abschlussprüfung mit Zertifikat.
Danach konzentrierte sich die Arbeit von Ursula Kissig auf die schon erfolgreich begonnene Suche nach deutschen Patenschaften für möglichst alle Vietnamesen, sowie die Suche nach Ausbildungs- und Arbeitsplätzen. Beides konnte erfolgreich bewältigt werden.
Aus ursprünglich 32 Personen wurde durch Familienzusammenführung, -zuwachs und Zuzug von Freunden ein Freundeskreis von etwa 80 Vietnamesen in Wedel, die alle einvernehmlich mit allen Mitbürgern hier leben. Eine absolut vorbildliche Form der Integration! Darüber hinaus erhielten später nach Wedel zugezogene vietnamesische Bürger erste notwendige Hilfen durch ihre ortsansässigen Landsleute; auch sie fühlen sich integriert.
Ursula Kissig wurde am 28. September 1988 „in Würdigung ihrer Verdienste um das allgemeine Wohl“, u.a. für ihre Tätigkeit bei der „von der Stadt Wedel dem DRK übertragenen Versorgung und Betreuung von Asylbewerbern und Kontingentflüchtlingen (Vietnamesen)“ von Bundespräsident Dr. Richard von Weizsäcker mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.
1981 bis 1982 beteiligte sich der Ortsverein an der Hilfe für das in Not geratene Polen. Dabei wurde die Sammlung von Geld- und vor allem von Sachspenden, insbesondere Medikamente für Krankenhäuser und Nahrungsmittel sowie Bekleidung für Organisationen und Einzelpersonen, unterstützt. Auch in Eigenregie wurden Pakete verschickt.
Ebenso engagierte sich das DRK in der Jugendpflege. Hierzu gehörte 1983 bis 1985 die Betreuung bedürftiger schulentlassener Schüler, indem bei der zur Beschaffung von Berufskleidung geholfen wurde. Im Anschluss wurde 1986 im Zuge von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) insbesondere für Jugendliche das „DRK-Jugendwerk Wedel“ gegründet. Dabei wurde eine Möbeltischlerei in der Holmer Straße 48 eingerichtet. In dieser erhielten schwer vermittelbare Jugendliche eine vorübergehende Beschäftigung. Der Höchststand wurde 1988 mit zehn beschäftigten Jugendlichen und zwei angestellten Betreuern erreicht. 1990 lief das Beschäftigungsprogramm aus und die Werkstatt wurde geschlossen.
Seit 1981 gehört der Rettungsdienst zur festen Einrichtung des DRK Ortsvereins. Er ist an Wochenenden und Feiertagen im Einsatz. Für die Retter stellte die Stadt zunächst eine Baracke und Garagenplätze am Rosengarten zur Verfügung.
1983 verwirklichte das Rote Kreuz sein bisher größtes Bauprojekt: Wedels erste senioren- und behindertengerechten Wohnungen in der Reepschlägerstraße 21/21a. Ein möglichst langes Leben der Menschen in den eigenen vier Wänden ist das Ziel. In 18 Wohnungen fühlen sich die Bewohner sehr wohl. Dies zeigt die niedrige Auszugsrate.


