Das Amt der ersten Vorsitzenden ging 1918 auf Bertha Nelke über. Für sie und ihre Frauen begann nach dem Krieg eine schwierige Zeit, in der es an Hilfsbedürftigen nicht mangelte. Sie waren besonders drastisch von der schlechten Wirtschaftslage betroffen. Zur Linderung der größten Not richtete der Frauenverein in der Kellerküche der Apotheke in der Mühlenstraße ein Trinkfrühstück für alte Wedeler ein. Von 1920 bis 1925 wurde zudem eine deutsch-amerikanische Kinderspeisung organisiert und an Altrentner konnten regelmäßig Lebensmittelpakete ausgegeben werden. Die Betreuung der Kranken und Wöchnerinnen zählte nach wie vor zu den wichtigen Aufgaben des Frauenvereins.
Auch andere Einrichtungen wurden aktiv, um die Not zu lindern: Die Wohlfahrtsämter der Stadt, des Kreises und des Landes Schleswig-Holstein und die AOK – unterstützt mit Geld- und Sachspenden durch Unternehmen wie die Vakuum-Ölfabrik und die Zuckerraffinerie. Mit guten Ideen warb der Frauenverein um Unterstützung. So wurde in den zwanziger Jahren der „Margarethentag“ eingeführt. Tagsüber wurden Margeriten an die Wedeler verkauft, abends hieß es dann zu Gunsten des Frauenvereins: „Auf zum Margarethenball“ in Köhlers Gasthof an der Spitzerdorferstraße.
Trotz aller Unterstützung lähmte die Inflation 1922/23 zunehmend die Rotkreuzarbeit. Selbst die größte Geldspende, die der Ortsverein jemals erhalten hat – zwei Billionen Mark eines Herrn Cordes aus den Vereinigten Staaten – konnte an der Situation nicht viel ändern. Als das Geld in Wedel ankam, konnten die Frauen dafür gerade acht Pfund Reis erstehen. Durch die Inflation verlor der Frauenverein auch die hauptamtliche Schwester. Mehrere Billionen Mark Wochenlohn waren einfach zu teuer.
An wichtigen Hilfen konnte und wollte der Frauenverein auch in dieser kritischen Zeit jedoch nicht sparen: Zu Weihnachten gab es für über 100 Bedürftige auch weiterhin Lebensmittelpakete. Drei Jahre später wurde daraus sogar ein bald sehr beliebter Weihnachts-Kaffee, eine gesellige Veranstaltung im Gemeindehaus der Kirche mit Weihnachtssingen, Gedichten und plattdeutschen Geschichten.
Nach der Währungsreform konnte die Arbeit des Frauenvereins intensiviert werden. So wurden Kinderverschickungen organisiert. Es kamen Kinder aus dem Ruhrgebiet zur Erholung nach Wedel und einheimische Kinder und Mütter fuhren nach St. Peter Ording oder sogar in die Schweiz. Kleidung für Bedürftige gehörte auch dazu. Als 1930 das DRK-Müttererholungsheim in Eckernförde seinen Dienst aufnahm, eröffnete sich für arme Mütter eine einmalige Gelegenheit: Erstmals konnten sie von zuhause Urlaub machen und mussten nur ein Drittel der Kosten tragen. Den Rest übernahmen der Frauenverein und der Rotkreuz-Provinzialverband.
Die ersten zwanzig Jahre Wedeler Rotkreuzarbeit hatten eine bis dahin einzigartige Palette an Hilfsleistungen im Bereich Wohlfahrtspflege und soziale Betreuung hervorgebracht. Hier lag bis zum Beginn der 30er Jahre der Hauptakzent der Rotkreuzarbeit. Im kommenden Jahrzehnt sollte diese Arbeit durch die politischen Veränderungen in Deutschland tiefe Einschnitte erfahren.
Nach dem Tod von Bertha Nelke übernahm Dora Köhler den Vorsitz des vaterländischen Frauenvereins von 1930 bis 1932. Ihr folgten Anna Schultz (1932 bis 1935) und Käte Jürgens (1935 bis 1936).
Im Jahr 1931 gab es zum ersten Mal in der Wedeler DRK-Geschichte männliche Helfer; die Leitung hatte Richard Möhl. Sie dienten in einer eigenständigen Sanitätskolonne. Auch bei den Frauen kommen jetzt Aktivitäten auf dem Gebiet der Ersten Hilfe und des Sanitätsdienstes neben der Wohlfahrtsarbeit hinzu. Im Jahr 1935 mussten die DRK-Frauen auf Anordnung die ihnen lieb gewordenen Säuglings- und Wöchnerinnenbetreuung sowie die Altenbetreuung an den NS-Volkswohlfahrt abgeben, einen Wohlfahrtsverband der Nationalsozialisten. Doch Bedürftige und Rentner wurden auch weiterhin mit Lebensmittelspenden durch die Rotkreuzfrauen versorgt.
1936 übernahm Irmgard Ladwig, die Frau von Bürgermeister Harald Ladwig, den Vorsitz des Frauenvereins. Es sollte ihre Lebensaufgabe in den folgenden Jahrzehnten werden. Sie stand 27 Jahre an der Spitze des Wedeler Roten Kreuzes und war über 50 Jahre in dem Verband aktiv.
1937 musste der vaterländische Frauenverein in Wedel – wie alle anderen in Deutschland – aufgelöst und als Ortsgemeinschaft des Deutschen Roten Kreuzes neu gegründet werden. Die Frauen wurden zur weiblichen Bereitschaft unter der Leitung von Luise Hufe zusammengefasst und bildeten Gruppen in einem Sanitätszug. Das war verbunden mit einer dreimonatigen Ausbildung zur Schwesternhelferin am Krankenhaus. Mit dieser organisatorischen Neubildung wurde die DRK-Ordnung der Aktiven eingeführt, wie sie in ihren Grundzügen auch noch besteht. Heute geht es allerdings nicht mehr so streng zu: Damals stand nämlich unter anderem strammes Exerzieren auf dem Ausbildungsplan.
Im Jahr 1937 übernahm die Sanitätskolonne der Männer den ersten vollmotorisierten Rettungsdienst mit einem von der Stadt Wedel beschafften Sanitätswagen. Der Sanitätskolonne wurden Wagen und Rettungsdienst mit der Auflage übergeben, für Wartung und Instandsetzung des Fahrzeugs zu sorgen und natürlich die Ausbildung für Fahrer und Beifahrer voranzutreiben. Im Jahr 1939 wurden dann auch die Männer als männliche Bereitschaft dem Wedeler DRK angegliedert.


